bei der großartigen swissmiss aus New York, bei der es sich lohnt, jeden Tag ein paar Mal vorbei zuschauen, habe ich ein Video gefunden, das Tipps für mehr und bessere Ideen anschaulich darstellt.
Eine Minute und 9 Sekunden, Kürzest-Tipps, visuell zusammengefasst.
Tipps für bessere Ideen (Video)
26. Januar 2010 » 2 Kommentar(e)
Teil 2 des Interviews mit Reinhard Ematinger
9. November 2009 » 1 Kommentar(e)
Im ersten Teil des Interview (hier) berichtete Reinhard Ematinger, der Experte für selberdenken, von seinem Weg zum serious-play-Konzept. Im zweiten und letzten Teil des Interviews geht es um die Gelingensbedingungen von Lego-serious-play und den Einstieg in die Schule, wo seit Kurzem auch Schülerinnen und Schüler strukturiert mit Lego spielen.
Warum funktioniert es?
Weil drei Elemente „eingebaut“ sind: erstens Story Telling und Metaphern, zweitens Konstruktivismus und Konstruktionismus, drittens Vorstellungskraft, schöner mit „Imagination“ beschrieben. Ich darf zu diesen drei Punkten ein wenig ausholen?
Das GESCHICHTEN-ERZÄHLEN, die Arbeit mit Metaphern ist der Schlüssel des Ansatzes. Wenn Kinder spielen, werden in ihren Erzählungen ganz gewöhnliche Gegenstände und Materialien in Menschen, Tiere, Fahrzeuge und alle mögliche andere Gestalten verwandelt. Mythen, Sagen und Märchen haben auch uns Erwachsenen seit jeher als Mittel zum Ausdruck von Idealen und Werten gedient: in Geschichten beschäftigen wir uns mit Themen wie Kultur, Religion, soziale und persönliche Identität oder Gruppenzugehörigkeit.

http://www.flickr.com/photos/rstebbing/
Mit Geschichten-Erzählen sind wir mühelos in der Lage, unserem sozialen, kulturellen und zwischenmenschlichen „Material“ einen Sinn zu geben und es zu verstehen. Übertragen auf Teams und Organisationen bedeutet das: Geschichten tragen zur Produktion, Reproduktion, Transformation – auch zur Dekonstruktion – von Unternehmenswerten bei. Erzählungen erfüllen eine Reihe von Aufgaben: die Sozialisation neuer Mitarbeiter, die Legitimierung von Bindung und die Identifizierung mit dem Unternehmen. Sie fungieren als eine Lupe, mit der die Aktivitäten der Organisation betrachtet, verstanden und interpretiert werden können. Geschichten und Metaphern sind unsere Vehikel, um radikal neue Wege des Verstehens zu schaffen. LEGO nennt das im Original konsequenterweise nicht Story Telling, sondern STORY MAKING: wir erfinden und bauen die Zukunft – oder mehrere mögliche Zukünfte.
Interview über Lego serious play mit Reinhard Ematinger
7. November 2009 » 2 Kommentar(e)
Wie das Internet so spielt,
habe ich auf unterschiedlichen Wegen und twitter Reinhard Ematinger kennen gelernt. Zwei Dinge, die mich fasziniert haben: er nennt sich “Experte für selberdenken®” und er berät Unternehmen (u.a.) mit dem Lego serious play-Konzept. (Hier hatte ich schon einmal vor drei-½ Jahren kurz berichtet.)
ich hab mit ihm ein ausführliches Interview geführt. Im ersten Teil beschreibt er wie es ist, wenn erwachsene Menschen Lego spielen, was selberdenken meint und was die Faszination von Lego serious play ausmacht.
Du beschreibst dich als “Experte für selberdenken” und hast sogar ein ® rechts oben dran geklebt. Was bedeutet selberdenken für Dich?
selberdenken® bedeutet, das in Organisationen vorhandene Wissen und die Erfahrungen der Mitarbeiter sinnvoll zu nutzen und mit einem ungewöhnlichen, radikalen – und übrigens funktionierenden – Weg Beziehungen und Abläufe in Organisationen und Teams sichtbar und erlebbar zu machen.
Warum dieser neue Weg?
Weil wir gerade jetzt sehen, dass die gute alte Nummer der tollen Inszenierungen superschlauer jugendlicher Starberater mit schlichten Rezepten für alle Fragen der Gestaltung schlanker Prozesse, Entwicklung verständlicher Strategien und nachhaltiger Geschäftsmodellen immer weniger hilfreich ist.
Was bringt’s?
Neue Einblicke und bereits vorhandene Informationen werden in deutlich kürzeren Zeiträumen miteinander geteilt als es bei klassischen Beratungs- und Moderationsmethoden der Fall ist. Jeder am Tisch hat eine Stimme – nicht nur der Auftraggeber oder der Lauteste. Die für eine Lösung relevanten Informationen und Ideen werden im buchstäblichen Sinn genauso auf den Tisch gebracht wie bisher gut unter dem Teppich versteckte Probleme, offene Fragen und schwierige Themen. » Weiterlesen «
Verliebt = ideenreich?
21. Oktober 2009 » 4 Kommentar(e)
“Schon verliebt Auto gefahren? - Das ist voll gefährlich!”

(pixelo.de)
Diesen merkwürdigen Gedanken soll ich vor ein paar Jahren im Philosophie-Unterricht gesagt haben und bin damit prompt im Jahrbuch zitiert worden.
Wofür ist die Liebe nicht schon herangezogen worden: die Liebe als Grundhaltung (in vielen Religionen), die “platonische Liebe” (nebenbei: Platon sagte übrigens nicht, dass man dabei auf Sex verzichten oder ihn überwinden müsse), die freie Liebe aus den 60ern, die Metta (aus dem Buddhismus), die Liebe zu Kindern (die in “Du bist Deutschland” so wundervoll klang), Erato (die Muse der Liebesdichtung), …
und nun also die Liebe & die Kreativität.
- Wenn wir so richtig in jemanden “verballert” sind – macht uns das kreativer?
- Und was ist mit der Lust, dem Verlangen nach Sex? Macht uns das kreativer?
Martin Luther King übers Problemlösen
7. Oktober 2009 » 2 Kommentar(e)
“Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten, dass Gott sich darum kümmert.”
(Martin Luther King, Prediger & Bürgerrechtler)
David Byrne über Kritik im kreativen Prozess
5. Oktober 2009 » 0 Kommentar(e)
While taking criticism on board can be constructive, it can also be detrimental (schädlich) to the creative process if it’s considered while that process is still under way. It undermines one’s enthusiasm and will — which is OK, beneficial even, but only after a tour (for example) is over.
(David Byrne, Musiker, u.a. Talking Heads in seinem Blog)
Wie gutes Wetter und Brötchen zusammenhängen
3. Oktober 2009 » 1 Kommentar(e)
Dem Bäcker ist es nicht egal, ob morgen die Sonne scheint!
Denn der Bäcker möchte
seine Produktion möglichst genau am Vortag planen: Er möchte nicht zu wenig Backwaren produzieren (um die Kunden am Abend nicht zu verägern), aber er möchte auch nicht zuviele Brote, Kuchen & Bötchen produzieren, so dass er ggf. am Ende des Tages etwas wegwerfen muss.
Dabei spielt seine Erfahrung eine große Rolle, aber auch: der Wochentag, Ferien, mögliche Veranstaltungen in der Nähe und ganz entscheidend das Wetter. Je besser das Wetter, umso mehr Kuchen. Oder wenn es z.B. am Sonntag Morgen sonnig ist, werden sich mehr Menschen auf den Weg machen, um Brötchen zu holen.
Das Kieler Unternehmen analytix bietet umfangreiche Datenanalysen an und im gleichen Kieler Gebäude sitzt Meeno Schrader, Kiels bekanntester “Wetterfrosch”. Bezeichnenderweise bei einem gemeinsamen Frühstück kam analytix-Gründer Alex Christensen und Meeno Schrader auf die Idee, ihr Wissen zusammen zu werfen und meteolytix zu gründen, um dem Kunden eine möglichst genaue Antwort auf eine Frage zu geben:
Wie beeinflusst das Wetter das Kaufverhalten meiner Kunden?
Mittlerweile gibt es zwei Kieler (Groß-)Bäckereien, die diese Datenanalysen erfolgreich nutzen, um die Zahl der zurückgelieferten Brote & Brötchen zu reduzieren.
Aus meiner Sicht eine einfache und unglaublich wirksame Idee, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen: Regionalisierte Wettervorhersagen mit wirtschaftlichen Vorhersagen (mathematisch möglichst präzise) zu kombinieren.
Meteolytix will nun in weitere Branchen hineinwachsen und ihr Angebot ausweiten. Z.B. wetterabhängige Onlinewerbung, Personaleinsatzplanung (z.B für Friseure!), Getränkefachmärkte – die Liste möglicher Unternehmen, die von einer guten Wettervorhersage mit aufs Unternehmen angepassten Prognosen profitieren können ist lang.
Eine Idee aus Kiel.
10 hoch 100 Ideen bei Google (Abstimmung)
25. September 2009 » 0 Kommentar(e)
Im letzten Herbst habe ich hier über Google 10100-Projekt geschrieben.
Warum geht’s?
Zum 10. Geburtstag von Google machte der Datensammler und -sortierer der Welt ein Geschenk im Wert von 10 Millionen US-$. Gesucht sind (bis zu) 5 Ideen, die möglichst vielen Menschen helfen und die Welt verändern. Eine Jury wird aus diesem Bewerbungsansturm zunächst 100 Ideen auswählen, die öffentlich präsentiert und dann bewertet werden. Mittlerweile wurden 150.000 (ca.105,2) eingereichte Ideen gesichtet und 16 blieben übrig.
Die Liste aller Ideen kann man hier sehen und vor allem: ABSTIMMEN, welche Idee umgesetzt werden soll. » Weiterlesen «
Das ist die richtige Zeit
24. September 2009 » 3 Kommentar(e)
Manchmal komme ich zu früh.
und manchmal komme ich zu spät.
Und manchmal komme ich mit meiner Idee genau richtig.
Meine These: es gibt Zeiten, in denen Ideen besonders gut aufgenommen werden. In diesen Zeiten kann es auch zu parallelen Entdeckungen kommen. Das heißt, es gibt Ideen, die einfach reif sind, für die die Zeit gekommen ist. Da spielt es auch keine Rolle, wer sie gerade entdeckt. Diese Ideen mussten ans Licht kommen, diese Ideen mussten in die Welt.
3 Fälle: richtige Zeit, zu früh & zu spät… » Weiterlesen «
Sie haben die Wahl
20. September 2009 » 0 Kommentar(e)
Sie haben die Wahl.
Das neue Zeitalter präsentiert sich chancenreich glitzernd, aber Fußlahmen und geistig Unbeweglichen begegnet es gleichermaßen unfreundlich.
(Daniel Pink, Unsere kreative Zukunft)
…
…
Denktemperatur
19. August 2009 » 0 Kommentar(e)
Wie warm oder wie kalt muss es sein,
um gut und kreativ denken zu können? Die Denkträgheit bei dieser sommerlichen Hitze erinnert daran, sich einmal Gedanken über eine gute Arbeitstemperatur zu machen.
Fenster auf, Fenster zu? Ventilator an oder gleich die Klimaanlage auf Arktische Kälte stellen?
Offiziell und empfohlen
Es gibt eine Verordnung, die ziemlich vieles rund um den Arbeitsplatz regelt: die Verordnung über Arbeitsstätten (Arbeitsstättenverordnung – ArbStättV), die die Bundesregierung und das Arbeitsministerium verfasst hat. Die Verordnung hat sich über die Jahre gewandelt. In der aktuellen Fassung heißt es im Anhang der Verordnung, dass eine “eine gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur” bestehen müsse – ohne konkret zu sagen, was das denn bedeutet. In den zugehörigen Richtlinien wird ausgeführt (es bleibt nichts ungeregelt), dass für überwiegend im Sitzen ausgeübte Tätigkeiten mit leichter bis mittlerer Arbeitsschwere min. 19-20°C herrschen sollten. (“Schwere Arbeitsschwere” im Sitzen gibt es laut diesen Richtlinien nicht…) Die Lufttemperatur in Arbeitsräumen soll zudem 26 °C nicht überschreiten.
Die AOK Krankenkasse empfiehlt 22°, die meisten anderen Seiten ebenfalls 21° bis 23°. » Weiterlesen «
ADHS, Kreativität und Ritalin
15. August 2009 » 17 Kommentar(e)
Eine ehemalige Kollegin sagte es mir.
“Der nimmt Ritalin. – und einige andere aus der 5b auch.” – Ich war junger Lehrer und bis dahin hatte ich von ADS, ADHS und Ritalin noch nichts gehört.
Worum geht’s?
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), die auch als Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom oder Hyperkinetische Störung (HKS) bezeichnet wird, ist eine bereits im Kindesalter beginnende psychische Störung, die sich durch Probleme mit der Aufmerksamkeit sowie Impulsivität und häufig auch Hyperaktivität auszeichnet. Etwa drei bis zehn Prozent aller Kinder zeigen Symptome im Sinne einer ADHS. […] Die Symptome können mit unterschiedlicher Ausprägung bis in das Erwachsenenalter hinein fortbestehen.
(Quelle & Leseempfehlung zum Thema AD(H)S: Wikipedia-Artikel)
Häufig genug erzählten mir Eltern (als ich Lehrer war) von einem Zusammenhang ihres ADHS-Kindes mit möglicher Hochbegabung, wovon ich allerdings nicht in allen Fällen überzeugt war. Aber es gab sie, diese Kinder – die… nun, etwas flapsig würde man vielleicht, “zappelig” sagen…, die sich schlechter konzentrieren konnten. Dass einige von ihnen Medikamente bekamen (und zwar solche die unter das Betäubungsmittelgesetz fielen!) erfuhr man kaum. Eine Kollegin sagte, dass sie, als es auf eine einwöchige Klassenfahrt ging, einen leisen Hinweis der Eltern erhielt.
[Gibt es Zahlen, wie viel Ritalin in der Grundschule verabreicht wird?]
Was mich als Lehrer erschreckte: die verabreichten Medikamente zeigten ohne Zweifel ihre Wirkung: Die Kinder konnten sich besser konzentrieren. In gewisser Weise waren es dann „andere“ Kinder. Für die Kinder hingegen war es normal, diese Medikamente zu nehmen.
Wie geht es weiter?
Der ausführliche und lesenswerte New Yorker Artikel „Brain Gain – The underground world of neuroenhancing drugs“ untersucht eine Welt, in der wir uns die passenden Medikamente für unser Denken aussuchen und findet bereits (amerikanische) Studenten, die mit Adderall (Ritalin) Prüfungen halten. Dort fand ich den bemerkenswerten Satz: » Weiterlesen «
Ein Markus Albers-Artikel [update]
11. August 2009 » 3 Kommentar(e)
Anfang war… das Buch.
Das Buch “Morgen komme ich später rein” hab ich in irgendeinem Buchladen gefunden und ein Wochenende lang gelesen. Mir gefiel spontan die Schreibe des Autors und die Idee des Buchs, das vom Ende des klassischen Büros verkündet.
Zahlreiche Fragen werden beleuchtet: Warum müssen wir eigentlich für körperliche Anwesenheit im Büro bezahlt werden (vielleicht mit Stechuhr), wenn zu erledigende Tätigkeiten mit Computer von überall auf der Welt getan werden können? [Frecher und anders gefragt: warum erscheint es vielen Chefs besser zu sein, vier 4 Stunden am Büro-Schreibtisch vor sich hin zu dösen, als eine Stunde irgendwo zu schlafen und dann 3 Stunden wo-auch-immer konzentriert zu arbeiten?]
Sollten wir uns nicht eher über das Erreichen von Zielen und die anstehenden Aufgaben & Termine unterhalten, anstatt über das Ableisten der wöchentlichen Arbeitszeit?
Was passiert, wenn man den Mitarbeitern Freiheiten lässt und die festen Arbeitszeiten lockert oder aufhebt? Wie ändern sich dann deren Ergebnisse? Wie organisiert sich dann die Arbeit? – Ein äußerst spannendes Buch, das mir sehr viele Impulse für zukünftiges Arbeiten gegeben hat.
Markus Albers bringt viele Beispiele, hat Interviews geführt und gibt erste Schritte an die Hand, wie sich kleine und große Unternehmen und auch öffentliche Verwaltung auf den Weg in moderneres Arbeiten machen können.
Das Buch kostet bei Amazon €18,90.
Dann hab ich nach Markus Albers gegooglet, wie man das eben so macht. » Weiterlesen «
Das NO in Innovation
31. Juli 2009 » 4 Kommentar(e)
Ideen gar nicht erst wachsen zu lassen, ist einfach.
Man muss sie nur im Anfangsstadium klein halten. Das kann man bequem selbst tun (“Das wird sowieso nichts…”) oder man hat Kunden oder Vorgesetzte, die die Idee mit bekannten Floskeln (“Haben wir alles schon einmal versucht.” oder “Wenn wir das machen, könnte aber … passieren.”) abwehren.
Jochen Mai hat in der Karrierebibel nun eine deutsche Version des Ideen-Killer-Bingo veröffentlicht. Das Bingo-Spiel wurde von Paul Williams erdacht.
Auf 25 Feldern (5×5) stehen 24 Phrasen, mit denen typischerweise Ideen abgewiesen werden. Wenn Sie in einem Meeting sitzen und eine ganze Reihe Phrasen (diagonal, vertikal oder horizontal) durchstreichen können, sind Sie definitiv in dem falschen Unternehmen. Wenn Sie auch nur 2 oder 3 Phrasen in einem Meeting hören, sollten Sie in Ihrem Team einmal über Meeting- und Ideenkultur nachdenken. In dieser Atmosphäre wird sicher nix Brauchbares und keine große Idee entstehen können. Wenn Sie wirklich ernsthaft Ideen suchen, hilft in solch einem Meeting (in dem viele Killerphrasen fallen) nur: rausgehen, Luft holen, Pause machen und dann neu starten.
Ein zweites schöne Fundstück im Netz:
Shredded Wheat – ist zerkleinerter Weizen in kleinen Päckchen. Angeblich seit 18irgendwas unverändert.
Diese Gleichförmigkeit, diese Verweigerung, das Produkt zu ändern, nimmt das Unternehmen in einer Serie von Videos auf die Schippe. » Weiterlesen «
Gibt es eine Kreativität in der Mitte?
10. Juni 2009 » 5 Kommentar(e)
Wo ist das – “die Mitte” – und wer will dort sein?
Die Mitte (genauer: der Mittelpunkt) einer Strecke ist nichts weiter als der Punkt, der von beiden Endpunkten den gleichen Abstand besitzt. Mitte ist fern der Extreme, Mitte ist eigentlich sehr klein. Mitte ist weder links noch rechts, weder unten noch oben. Mitte ist schwer zu finden. “In der Mitte sein” sagen, die Fühligen. Und Wahrheit liege “wie so oft in der Mitte”, jammern die Entscheidungsunfreudigen seit Horaz, Ovid und Plutarch. Jetzt streben sie wieder alle in die Mitte, die Parteien, die Gesellschaft, wir Menschen. Die Kompromisssucher, die “Nicht zu heiß, nicht zu warm – na eben so Mittel!”-Sager.
Was bedeutet die Mitte – und was wollen die da?
Die Mitte ist seit jeher das Gute, das Mütterliche. In vielen (wenn nicht allen) Religionen und Mythen steckt in der Mitte das Symbol des Göttlichen. Der Nabel als Mittepunkt des Menschen und die Mitte als Harmonie und Vereinigung von Gegensätzen. – Von der Mitte geht eine fast magische Anziehungskraft aus, verspricht sie doch heimlich sich als Schlichterin -spürbar von einer argumentativ höheren Position ausgehend- über die beiden Seiten zu erheben und sich schlußendlich auch noch als “gesunde Mitte” auszugeben.
Die Wahrheit liegt in der Mitte, sie verspricht Konsens. Aber ist sie nicht eher ein müder Reflex als Weigerung, sich Anstrengungen in den Randgebieten auszusetzen? Das, was nicht in der Mitte ist – das, was nicht in Mitte, Maß und Anstand ist, erscheint seit jeher und in diesen Tagen verdächtig. Das, was sich in Extreme begibt, erscheint per se verdächtig, eben schon allein dadurch, dass es sich aus der Mitte begibt.
In der Politik führte die zerfasernde Auflösung des Rechts-Links-Schemas zu einer Situation, dass alle Parteien in ihre Mikrofone riefen, dass aber hier doch die Mitte sei! Dass nun der Kampf um die Mitte ausgebrochen sei und gerade die (vielen) Unentschlossenen, Schweigenden genau in der Mitte abgeholt werden könnten. Eigensinn und Gemeinsinn, Markt und Staat – die Mitte, bitte schön, die werde es richten und uns einen Ausweg aus dieser politschen, wirtschaftlichen und vor allem: gedanklichen Krise leuchten. Denn wer wollte schon gerne am Rand stehen? Und so dümpeln Fantasielosigkeit und utopiefreie Diskurse in diesen Talkshows Abend für Abend vor unseren Augen und Ohren dahin. Bis die Mitte so groß ist, dass wir alle in ihr stehen und nicht mehr hinauskommen können.
Und weiter?
Jenseits eines recht-links-Hinundherschiebens und eines nie enden wollenden fast schon moralischen Ringens, wo denn nun die “gute Mitte” liege, mag es mehr geben als das, als diese eine stumme, vereinnahmende Mitte. Wittgenstein ruft uns zu, uns in diesem Bedürfnis nach Gegensätzen und Widersprüchen zu respektieren. Diese auszutragen und uns vom reibungsfreien, stets konsensualen Ideal zu verabschieden.
Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt, also die Bedingungen in gewissem Sinne ideal sind, aber wir eben deshalb auch nicht gehen können. Wir wollen gehen; dann brauchen wir die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden!
Der Harmonie der Mitte ließe sich der Gedanke des Wettstreits von Ideen entgegenstellen, die sich bewusst außerhalb der sonstigen Denkschemata begeben, um dort Neues, Machbares und Anderes auszuagieren. Das Utopische, das Wilde, Ungezähmte, das überhaupt Mögliche gegeneinander, aneinander abarbeiten zu lassen. Das erfordert Mut, der sich über den Moment und die friedliche Abendstimmung der wohlig-warmen Mitte erhebt.
Wir können das. Wir sind stark genug, diese Reibung von Widersprüchen mit Respekt voreinander auszuhalten. Es ist ein Wagnis aus der Mitte nach oben, unten, rechts oder links auszutreten. Wir wollen vorwärts gehen – ohne Richtung, ohne Reibung, ohne Agon wird es nicht gehen.
Die Kreativität ist nicht in der Mitte.