Teil 2 des Interviews mit Reinhard Ematinger

9. November 2009 » 1 Kommentar(e)

Im ersten Teil des Interview (hier) berichtete Reinhard Ematinger, der Experte für selberdenken,  von seinem Weg zum serious-play-Konzept. Im zweiten und letzten Teil des Interviews geht es um die Gelingensbedingungen von Lego-serious-play und den Einstieg in die Schule, wo seit Kurzem auch Schülerinnen und Schüler strukturiert mit Lego spielen.

Warum funktioniert es?

Weil drei Elemente „eingebaut“ sind: erstens Story Telling und Metaphern, zweitens Konstruktivismus und Konstruktionismus, drittens Vorstellungskraft, schöner mit „Imagination“ beschrieben. Ich darf zu diesen drei Punkten ein wenig ausholen?

Das GESCHICHTEN-ERZÄHLEN, die Arbeit mit Metaphern ist der Schlüssel des Ansatzes. Wenn Kinder spielen, werden in ihren Erzählungen ganz gewöhnliche Gegenstände und Materialien in Menschen, Tiere, Fahrzeuge und alle mögliche andere Gestalten verwandelt. Mythen, Sagen und Märchen haben auch uns Erwachsenen seit jeher als Mittel zum Ausdruck von Idealen und Werten gedient: in Geschichten beschäftigen wir uns mit Themen wie Kultur, Religion, soziale und persönliche Identität oder Gruppenzugehörigkeit.

http://www.flickr.com/photos/rstebbing/

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Mit Geschichten-Erzählen sind wir mühelos in der Lage, unserem sozialen, kulturellen und zwischenmenschlichen „Material“ einen Sinn zu geben und es zu verstehen. Übertragen auf Teams und Organisationen bedeutet das: Geschichten tragen zur Produktion, Reproduktion, Transformation – auch zur Dekonstruktion – von Unternehmenswerten bei. Erzählungen erfüllen eine Reihe von Aufgaben: die Sozialisation neuer Mitarbeiter, die Legitimierung von Bindung und die Identifizierung mit dem Unternehmen. Sie fungieren als eine Lupe, mit der die Aktivitäten der Organisation betrachtet, verstanden und interpretiert werden können.  Geschichten und Metaphern sind unsere Vehikel, um radikal neue Wege des Verstehens zu schaffen. LEGO nennt das im Original konsequenterweise nicht Story Telling, sondern STORY MAKING: wir erfinden und bauen die Zukunft – oder mehrere mögliche Zukünfte.

Den KONSTRUKTIVISMUS kennen wir dank Jean Piaget, der uns sein Stufenmodell der kindlichen Entwicklung schenkte. Noch spannender als das ist seine Theorie, dass Kinder Wissen nicht „Stück für Stück“ erwerben, sondern in einer Art „Wissensstrukturen“ einbauen: Kinder konstruieren diese Strukturen auf Grundlage ihrer Erfahrungen in der Welt. Sie nehmen Eindrücke und Informationen nicht passiv auf, sondern entwickeln aktiv Theorien. Kinder sind keine leeren Behälter, in die man Wissen gießen kann – sie sind Entwickler von Theorien, die Wissen auf Basis ihrer Erfahrungen konstruieren und immer wieder neu organisieren.

Seymour Papert ist von Piagets Theorie überzeugt und deht sie auf Lerntheorie und Erziehung aus. Seine Idee ist, eine Lernumgebung zu schaffen, die Piagets Gedanken in die Praxis umsetzt. Er empfindet konventionelle Schulumgebungen als zu steril und passiv, zu sehr von Regeln dominiert – diese Umgebungen gestatteten Kindern nicht, wirklich aktiv zu lernen. Leider hat sich da nicht viel geändert – sieh‘ dich in Schulen, Universitäten und Unternehmen um. Papert nennt seine Theorie KONSTRUKTIONISMUS und integriert alle Ideen des Konstruktivismus. Er geht einen wichtigen Schritt weiter und behauptet, dass konstruktivistisches Lernen vor allem dann möglich ist, wenn Menschen ein Produkt erzeugen, eine Sandburg, eine Maschine, Software oder ein Buch.

Was hat das mit selberdenken® und LEGO® SERIOUS PLAY® zu tun?

http://www.flickr.com/photos/rstebbing/

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Wenn Menschen reale Dinge konstruieren, dann konstruieren sie gleichzeitig Theorien und Wissen und nutzen ihre Erfahrungen und Kenntnisse in einer Art selbstverstärkendem Zyklus. Formale, abstrakte Ideen und Beziehungen werden konkreter und sichtbarer gemacht – und deshalb leichter verständlich. Wenn mit Hilfe von Objekten und mit unseren Händen denken, setzen wir unglaubliche kreative Energien und neue Sichtweisen frei, von denen die meisten Erwachsenen nicht einmal wissen, dass sie sie besitzen. Wir waren doch alle einmal Kinder, die wussten, wie man spielt. selberdenken® hilft Erwachsenen dabei, sich an diese Fähigkeiten zu erinnern und sie wieder zu aktivieren.

Vorstellungskraft, viel schöner mit dem Wort IMAGINATION beschrieben, lässt sich unterschiedlich interpretieren: „sich-ein-Bild-machen“, sich etwas vorstellen oder „einbilden“. Imagination hat für uns, wenn wir mit LEGO® SERIOUS PLAY® arbeiten, drei Bedeutungen: etwas beschreiben, etwas schaffen, etwas in Frage stellen. Das Zusammenspiel dieser drei Formen ist genau das, was die strategische Imagination ausmacht – den Ursprung kreativer, radikaler, ungewöhnlicher Strategien in Unternehmen.

Die BESCHREIBENDE Imagination erzeugt Bilder, die eine komplexe und oft verwirrende Umwelt beschreiben. Sie erkennt in einer Flut von Informationen Muster und Regelmäßigkeiten – in etwa die wirklichkeitsnähere Form der „Matrix“. Beispiele sind Wertschöpfungsketten, das wunderbare Vier-Aktionen-Format von Kim und Mauborne oder die BCG-Matrix. Mit beschreibender Imagination sehen wir das, was vor unseren Augen geschieht, und bringen es in einen Zusammenhang.

Die SCHÖPFERISCHE Imagination ist für die Entwicklung von Strategien ganz wichtig. Das gute alte Brainstorming – großartiges Interview mit Edward de Bono übrigens, in der FTD vom 23. Oktober, mit dem Titel „Brainstorming bringt nichts“ – und viele Grossgruppenmethoden sind Beispiele dafür. Während uns die beschreibende Imagination zu erkennen hilft, was neu ist, erlaubt uns die schöpferische Imagination das wahrzunehmen, was NICHT da ist – und damit etwas wirklich Neues, völlig anderes zu schaffen. Innovative Strategien, bei denen Unternehmen eher versuchen, ihre Wettbewerber an den Spielfeldrand zu drängen, als mit ihnen in direkter Konkurrenz zu stehen –Dell, Nike und Apple sind gute Beispiele dafür.

Die VERNEINENDE Imagination widerspricht unserem liebgewonnener Vorstellung von Fortschritt und Tempo um des Tempos willen radikal und zerstört sie sogar. Sie wirft – endlich – alle angestaubten Regeln über den Haufen und macht reinen Tisch. Sie fügt nicht einfach ein neues kleines Element an ein bereits vorhandenes, sondern beginnt ganz neu und setzt NICHTS voraus. Mit „Dekonstruktion“ lässt sich das vermutlich am schönsten beschrieben. Ein gutes Beispiel ist der Reengineering-Ansatz von Michael Hammer: nicht die Verbesserung bestehender Praktiken ist das eigentliche Thema, sondern „Aufgabe und Neubeginn, dem Beginn mit dem sprichwörtlich reinen Tisch und einer Neudefinition der eigenen Arbeits- und Vorgehensweise“ wie Hammer selbst sagt. Nokia ist ein gutes Beispiel dafür: es gab die Herstellung von Holzprodukten und Gummistiefeln auf und wagte einen Neubeginn in der Telekommunikation. Wissen die jungen Leute schon gar nicht mehr, was?

Alle drei nun zusammen: die STRATEGISCHE Imagination ist ein Prozess, der sich aus diesen drei Formen von Imagination zusammensetzt, auch wenn das nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist. Als erwünschte Nebenwirkung erzeugt er auch so etwas wie soziale Dynamik: neues Wissen wird mit vorher erlernten Kenntnissen und Erfahrungen konstruiert, neue Bedeutungen ergeben sich aus diesem Wissen ergibt, und eine gemeinsame Identität wird geschaffen.

Brauchen die Teilnehmer in den Workshops lange, um sich auf das Lego- LEGO®-Spiel einzulassen? Was tust du, um den Teilnehmern den Einstieg ins Spielen zu erleichtern?

Das funktioniert erstaunlich schnell … auch nach einer Menge Aufträge in den letzten 15 Monaten immer wieder ein kleines Wunder! Es findet immer ein „workshop vor dem workshop“ statt, meist am Abend zuvor. Hier nähern wir uns mit einem Set kleiner Übungen – LEGO nennt das „Challenges“ – dem Ablauf aus Bauen und der-Konstruktion-eine-Bedeutung-geben, also die Aussage den anderen Teilnehmern klar zu machen, an. Ich lerne die Teilnehmer in dieser Phase besser kennen und kann die Bereitschaft, sich einzulassen, sehr gut einschätzen.

Die eigentliche Fragestellung wie „Wie unterstützt das Management Team den Chef?“, „Wie gestalten wir unseren Vertriebsprozess schlanker?“ oder „Wie wollen wir als Business Consultants innerhalb des Konzerns wahrgenommen werden?“ wird erst ab dem Morgen des nächsten Tages bearbeitet. Das wird ein langer, intensiver, aktiver Tag. Oder zwei.

Jetzt geht LEGO® SERIOUS PLAY® auch in die Schulen! (Link) In einigen kurzen Sätzen: wie kann LSP die Kinder auch in der Schule unterstützen?

http://www.flickr.com/photos/dunechaser/

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Ich finde diese Entwicklung großartig! Wie oft wird Kindern und jungen Erwachsenen in Schule und Studium natürliche Neugierde und Lust an unkonventionellen Lösungen ausgetrieben? LEGO® SERIOUS PLAY® ist hier nur eine von vielen möglichen Anwendungen und Ansätzen, die funktionieren, wenn man nur ein wenig Mut aufbringt.

Wenn ich mir ansehe, was an der HPI School of Design Thinking möglich ist – eine interdisziplinäre Zusammenstellung der Lernenden, die intellektuell und emotional anregende Zusammenarbeit möglich macht! Wenn Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen aufeinander treffen und unter einem radikal neu gedachten Rahmen gemeinsam große Themen angehen, bringt das beinahe zwangsläufig sensationelle Ergebnisse. Der Schweizer BrainStore arbeitet seit 20 Jahren mit abgefahrenen Methoden, um umsetzbare Ideen für Produkte und Märkte „industriell“ zu produzieren. Mit hohem Tempo und tollen Ergebnissen.

Ich schweife ab: den Hintergrund des Nutzens habe ich mit den drei Arten der Imagination bereits beschrieben. Was bingt’s für Schüler und Lehrer? Neue, aktivierende Lern- und Lehrformen, die wirkliche Interaktion und das Teilen von Wissen möglich machen – indem eine neue Sprache eingeführt wird: LEGO.

Und eine knifflige Frage zum Schluss: Wie verhalten sich aus Deiner Sicht Spiel und Ideenfindung zueinander?

Exakt 1:1. Kleiner Scherz. Richtig gute Ideen kommen nicht durch „Lasst uns morgen mal 50 Minuten brainstormen“ zustande … da kommt nur derselbe halbherzige Quatsch raus. Im wundervollen Buch „Thinking From Within“ las ich die offizielle Definition von „insane“: immer wieder dasselbe tun, aber plötzlich ein anderes Ergebnis erwarten. Gary Hamel spricht da von „intellectual incest“.

Die alten Methoden bringen nicht die Ergebnisse, die wir in diesen turbulenten Zeiten benötigen. Die alten Helden übrigens auch nicht. Richtig gute Ideen werden spielerisch er„arbeitet“ – das ist richtige Arbeit, aber auch richtiger Spaß. LEGO spricht da von „hard fun“. Die spannende Aufgabe ist es auch künftig, Unternehmen zu überzeugen, wenigstens einen Versuch zu unternehmen. Bilder geglückter Versuche findest du unter http://bilder.ematinger.com.

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