Patchwork-Identität als kreative Selbstaufgabe

17. März 2009 » 2 Kommentar(e)

“Kennen Sie das auch: dass die Phantasie im entscheidenden Augenblick abirrt und eigene unbeherrschbare Wege geht, die verraten, dass man auch noch ein ganz anderer ist als der, für den man sich hielt?” (Pascal Mercier, Lea)

Im sehr hörenswerten hr2-Podcast “Funkkolleg Psychologie” bin ich auf den Begriff “Patchwork-Identität” gestoßen, den Heiner Keupp als wahrscheinlich erster Autor geprägt hat.
Er meint:

“Identitätsarbeit [... und ich habe ihre Eigenart mit der Metapher vom "Patchwork" auszudrücken versucht...] hat als Bedingung und als Ziel die Schaffung von Lebenskohärenz.”

Dies sei eine kreative Aufgabe, vor der wir stehen. Keupp schließt sich damit inhaltlich an Meads Identitätsbegriff an, der die Bildung der Identität als lebenslange Aufgabe ansieht, die sich immer wieder im sozialen Kontext vollziehe. Meine Identität bildet sich aus Teilidentitäten, die ich jeweils als Ausschnitt der Gesamtidentität im Zusammensein mit anderen zeige. Wer und was ich bin, bin ich in der Interaktion mit anderen.

„Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses.“ (G.H. Mead, Geist, Identität und Gesellschaft)

Es ist für mich eine große Frage, ob und wie sich unsere Gesellschaft fragmentiert. (Ist das wirklich so?) Einmal vorsichtig formuliert: Wir nehmen wahr, dass wir (vor allem auch durch das Internet) immer mehr Möglichkeiten haben, uns unsere Lebensnische zu suchen. Lebenswege sind dabei weniger vorgezeichnet, als sie das noch vor ein paar Jahrzehnten waren. Denn das in die Wiege Gelegte der Eltern verliert an Prägekraft und wir sind vor die Wahl gestellt, welche Wege wir wirklich gehen wollen. So gab es früher vorgefertigte Identitätspakete, die das Leben sinnvoll erscheinen ließen. (“Du, mein Sohn, wirst wie ich Bäcker!” und der Sohn wurde für seinen Lebtag glücklicher Bäcker.)
Heute vervielfältigen sich die Lebensentwürfe und das, was wir als Normalität definieren, verschwimmt. Fast alle Parteien drängen in die “Mitte” oder die “Mitte der Gesellschaft”, aber wo ist die eigentlich?
Alltag, den wir als zerlegt erfahren, erfordert eine Haltung, die nicht mehr vom “Identitätszwang” beherrscht wird, denn wir können diese Teilidentitäten, diese Widersprüche in und um uns mittlerweile aushalten, ja gestalten, vorausgesetzt gewisser sozialer, ökonomischer und psychischer Voraussetzungen. “Die Auflösung der Ganzheit wird nicht mehr als Verlust erfahren” (Keupp), aber wenn wir nicht am am gesellschaftlichen Leben teilnehmen (z.B. in Form einer sinnvollen Tätigkeit) wird Identitätsbildung zu einem zynischen Schwebezustand.
Wir bilden diese Patchwork-Identität (so Keupp) aus unseren Geschichten, die wir über uns erzählen, aus den dominierenden Teilidentitäten, die sich auch aus unserem Umfeld ergeben und schließlich einem Authenzitäts- und Kohärenzgefühl (innen: “hier bin ich ich, hier fühle ich mich authentisch” und außen: “hier werde ich anerkannt in dieser Teilidentität”), das sich im Handeln mit anderen einstellt.

“Wenn meine Analyse auch nur einigermaßen stimmt, dann haben wir damit zu rechnen und klarzukommen, dass unsere Identitäten und Lebensentwürfe unter den Bedingungen postmoderner Lebensverhältnisse etwas unheilbar Bruchstück-, Flickenhaftes oder Fragmentarisches haben. Sollte man das auch noch schönreden?” (H. Keupp)

Einen etwas längeren Keupp-Artikel gibt es hier, viele andere Texte im Internet wiederholen diese Gedanken.
Der Anfang dieses Blogartikels war nach dem genannten hr2-Podcast der Gedanke, wie viele verschiedene Leben ich eigentlich führe.  (Beim Zählen unter der Dusche kam ich auf mindestens 7 Leben.) Keupp zu lesen, hat mich da etwas entspannt. So ist das Leben! Und nicht zuletzt ist ja auch Geistesblitz.de eine moderne Möglichkeit eine Teilidentität voll auszukosten, zu genießen und zu leben.

“Scharf und milde, grob und fein,
vertraut und seltsam, schmutzig und rein,
der Narren und Weisen
Stelldichein:
dies Alles bin ich, will ich sein,
Taube zugleich, Schlange und Schwein!” (Nietzsche)

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