Wo ist das – “die Mitte” – und wer will dort sein?
Die Mitte (genauer: der Mittelpunkt) einer Strecke ist nichts weiter als der Punkt, der von beiden Endpunkten den gleichen Abstand besitzt. Mitte ist fern der Extreme, Mitte ist eigentlich sehr klein. Mitte ist weder links noch rechts, weder unten noch oben. Mitte ist schwer zu finden. “In der Mitte sein” sagen, die Fühligen. Und Wahrheit liege “wie so oft in der Mitte”, jammern die Entscheidungsunfreudigen seit Horaz, Ovid und Plutarch. Jetzt streben sie wieder alle in die Mitte, die Parteien, die Gesellschaft, wir Menschen. Die Kompromisssucher, die “Nicht zu heiß, nicht zu warm – na eben so Mittel!”-Sager.
Was bedeutet die Mitte – und was wollen die da?
Die Mitte ist seit jeher das Gute, das Mütterliche. In vielen (wenn nicht allen) Religionen und Mythen steckt in der Mitte das Symbol des Göttlichen. Der Nabel als Mittepunkt des Menschen und die Mitte als Harmonie und Vereinigung von Gegensätzen. – Von der Mitte geht eine fast magische Anziehungskraft aus, verspricht sie doch heimlich sich als Schlichterin -spürbar von einer argumentativ höheren Position ausgehend- über die beiden Seiten zu erheben und sich schlußendlich auch noch als “gesunde Mitte” auszugeben.
Die Wahrheit liegt in der Mitte, sie verspricht Konsens. Aber ist sie nicht eher ein müder Reflex als Weigerung, sich Anstrengungen in den Randgebieten auszusetzen? Das, was nicht in der Mitte ist – das, was nicht in Mitte, Maß und Anstand ist, erscheint seit jeher und in diesen Tagen verdächtig. Das, was sich in Extreme begibt, erscheint per se verdächtig, eben schon allein dadurch, dass es sich aus der Mitte begibt.
In der Politik führte die zerfasernde Auflösung des Rechts-Links-Schemas zu einer Situation, dass alle Parteien in ihre Mikrofone riefen, dass aber hier doch die Mitte sei! Dass nun der Kampf um die Mitte ausgebrochen sei und gerade die (vielen) Unentschlossenen, Schweigenden genau in der Mitte abgeholt werden könnten. Eigensinn und Gemeinsinn, Markt und Staat – die Mitte, bitte schön, die werde es richten und uns einen Ausweg aus dieser politschen, wirtschaftlichen und vor allem: gedanklichen Krise leuchten. Denn wer wollte schon gerne am Rand stehen? Und so dümpeln Fantasielosigkeit und utopiefreie Diskurse in diesen Talkshows Abend für Abend vor unseren Augen und Ohren dahin. Bis die Mitte so groß ist, dass wir alle in ihr stehen und nicht mehr hinauskommen können.
Und weiter?
Jenseits eines recht-links-Hinundherschiebens und eines nie enden wollenden fast schon moralischen Ringens, wo denn nun die “gute Mitte” liege, mag es mehr geben als das, als diese eine stumme, vereinnahmende Mitte. Wittgenstein ruft uns zu, uns in diesem Bedürfnis nach Gegensätzen und Widersprüchen zu respektieren. Diese auszutragen und uns vom reibungsfreien, stets konsensualen Ideal zu verabschieden.
Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt, also die Bedingungen in gewissem Sinne ideal sind, aber wir eben deshalb auch nicht gehen können. Wir wollen gehen; dann brauchen wir die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden!
Der Harmonie der Mitte ließe sich der Gedanke des Wettstreits von Ideen entgegenstellen, die sich bewusst außerhalb der sonstigen Denkschemata begeben, um dort Neues, Machbares und Anderes auszuagieren. Das Utopische, das Wilde, Ungezähmte, das überhaupt Mögliche gegeneinander, aneinander abarbeiten zu lassen. Das erfordert Mut, der sich über den Moment und die friedliche Abendstimmung der wohlig-warmen Mitte erhebt.
Wir können das. Wir sind stark genug, diese Reibung von Widersprüchen mit Respekt voreinander auszuhalten. Es ist ein Wagnis aus der Mitte nach oben, unten, rechts oder links auszutreten. Wir wollen vorwärts gehen – ohne Richtung, ohne Reibung, ohne Agon wird es nicht gehen.
Die Kreativität ist nicht in der Mitte.
[...] http://www.geistesblitz.de/2009/kreativitat-in-der-mitte/ [...]
Habe ich jetzt 3 mal gelesen und mache es morgen noch mal. Jetzt ist mir schwindelig.
und, was kam beim vierten Lesen raus?
kreativität ist keine demokratische sache.
Ich habe den Artikel auch 3 x gelesen – immer mit der Frage im Hintergrund,
wo entspringt für mich Kreativität.
Für mich entsteht Kreativität auf dem Weg in die Mitte.
In der Mitte komme ich zur Ruhe