Manchmal komme ich zu früh.
und manchmal komme ich zu spät.
Und manchmal komme ich mit meiner Idee genau richtig.
Meine These: es gibt Zeiten, in denen Ideen besonders gut aufgenommen werden. In diesen Zeiten kann es auch zu parallelen Entdeckungen kommen. Das heißt, es gibt Ideen, die einfach reif sind, für die die Zeit gekommen ist. Da spielt es auch keine Rolle, wer sie gerade entdeckt. Diese Ideen mussten ans Licht kommen, diese Ideen mussten in die Welt.
3 Fälle: richtige Zeit, zu früh & zu spät…
Fall 1: zur rechten Zeit, gleichzeitig
Die Ininitesimalrechnung (die Mathematiker unter uns nicken wohlwollend, die Nichtmathematiker können hier nachlesen oder sich einfach “ein besonders schönes Gebiet der Mathematik” merken) – die Infinitesimalrechnung wurde vom britischen Physiker Isaac Newton und vom deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz in etwa zur gleichen Zeit (um 1770) entwickelt.
Zwischen beiden entwickelte sich ein herzlicher und leidenschaftlich geführter Streit in Briefform.
Oder aber die Entdeckung des Sauerstoffs: Carl Wilhelm Scheele und Joseph Priestley arbeiteten beide -in Schweden und in England- unabhängig voneinander und bereiteten das vor, was Lavoisier später als eigenständiges Element Oygenium (Sauerstoff) benennen konnte.
Große Idee kommen zur richtigen Zeit. Der iPod und iTunes zum Beispiel kamen zur rechten Zeit. Sie trafen auf die technischen Möglichkeiten, gepaart mit einer sich wieder erstarkenden Marke und dem Internet.
Fall 2: zu früh
Es gibt Menschen, die ihrer Zeit voraus sind und die Ideen entwickeln, die noch nicht umgesetzt werden können.
Berühmstestes Beispiel: Leonardo da Vinci. Diese Seite der FH Bielefeld listet technische Erfindungen da Vincis auf, die zeigt, dass vieles erst Jahre und Jahrhunderte später umgesetzt werden konnte.
Diejenigen, die wie Leonardo da Vinci “zu früh” kommen, werden oft genug als Spinner abgetan. Ihre Idee erscheint verquer, dumm, töricht und undenkbar.
Wenn ich einen Spinner sehe oder höre, versuche ich (trotz scheinbar verquasten Zeugs) mind. einmal hinzuhören. Könnte am Kern der Idee etwas dran sein, ist es wirklich unmöglich?
Darüber hinaus kann “zu früh” auch “noch nicht fertig” bedeuten, mit z.T. fatalen Folgen: Die Flugzeugfirma De Havilland baute als erste Düsenflugzeuge. Da allerdings die ersten Testflugzeuge dramatisch abstürzten erhielt De Havilland Flugverbot. Die Lorbeeren und das Geld heimsten andere ein. wenige Jahre später war Boing auf dem Markt und verdrängte De Havilland.
Oder Amazon: Jeff Bezos verkaufte und packte Bücher aus einem Garagenladen mit unterdurchschnittlichem Erfolg. (Erst durch die unglaubliche weltweite Steigerung der Internet-Nutzerzahlen seit 1994/95 konnte er seine Idee eines einfachen, schnellen Buchversands realisieren.)
Fall 3: zu spät
Es gibt nichts Schlimmeres, als mit der Idee zu warten, sie geheim zu halten, sie weiter und weiter zu verbessern und dann festzustellen, dass jemand anderes mit einer ähnlichen oder der gleichen Idee auf den Markt tritt.
Frustrierend, schockierend, demotivierend. Bitter aber wahr: jemand hatte früher den Mut, aus der Deckung zu kommen, um die Idee umzusetzen.
Die Konkurrenten haben sich mit dem Produkt im Feld etabliert, für Spätere bleibt nur die Möglichkeit, gefrustet bei sinkenden Preisen auf fahrende Züge aufzuspringen.
Der versuchte Videostandard Video2000 zum Beispiel (die mittelalten Leser unter uns werden sich erinnern) war eine europäische Antwort auf das japanische (von JVC/Panasonic) entwickelte VHS-System. Übereilt eingeführt und doch zu spät. video2000 konnte sich im Gegensatz zu VHS nie durchsetzen. VHS musste wenig verändert werden, video2000-Geräte waren fehlerhaft. Man war zu spät dran und 1986 (also noch einige Jahre vor 2000) wurde die Produktion eingestellt.
Aber wie weiß man, als offene Frage, wann die richtige Zeit ist?
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Wolfgang Hamm. Wolfgang Hamm sagte: Alles hat seine Zeit, sehr gut!
RT @geistesblitz Zu früh? zu spät? gerade richtig da sein. http://bit.ly/2S6OJZ #blogpost #neuerArtikel [...]
[...] vorvorletzten Artikel sprach ich von der richtigen Zeit, die eine Idee braucht. Mal kommt man zu früh mit der Idee, mal [...]
In der Politikwissenschaft nennt sich diese Theorie “Window of Opportunity” (auch plural). Konkret besagt sie, dass manche Lösungen für politische Probleme nicht zur richtigen Zeit umgesetzt werden können. Die Ideen/Lösungen liegen also eine Weile herum, quasi auf Standby, und kommen dann zum tragen, wenn sich ein solches “Window of Opportunity” öffnet. Ob Ideen also umgesetzt werden, hängt zu einem Teil immer auch vom Umfeld ab.